Wie China Probleme im Gesundheitswesen angeht

Die App WeDoctor soll Millionen Chinesen, Krankenhäuser, Ärzte miteinander vernetzen und Prozesse im Gesundheitswesen optimieren. Nachfolgend im Interview: Christian Decker ist Wirtschaftsberater bei der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH). Er hat in China und Brasilien gelebt und gearbeitet. Seit 2006 betreut er schleswig-holsteinische Firmen, die in ausländischen Märkten aktiv sind, auch in China. Das chinesische Gesundheitssystem ist ihm daher sehr vertraut.

Hinweis: Sie lesen nachfolgend einen Auszug aus dem abgedruckten Artikel der Ausgabe 2 / 2019 unseres Magazins. Die jeweils aktuelle Print-Ausgabe bestellen Sie über die Formulare auf dieser Website. Wollen Sie eine ältere Ausgabe lesen, schreiben Sie uns an redaktion@datareport.de

Herr Decker, den meisten unserer Leser sind WeChat und WeDoctor vermutlich nicht bekannt. Würden Sie bitte erklären, worum es eigentlich geht?

In Kurzform würde ich sagen, dass WeChat das chinesische Pendant von WhatsApp ist, also eine Messenger-App. Es gibt diesen Dienst seit 2011, heute nutzen über eine Milliarde Menschen diese App, wobei das überwiegend Chinesen sind. Allerdings gibt es WeChat inzwischen schon in fast allen Ländern weltweit in mehr als 18 Sprachen.

Wenn man sich näher mit der App beschäftigt, stellt man sehr schnell fest, dass WeChat deutlich leistungsstärker ist als WhatsApp. WeChat ist nicht nur eine Kommunikations-App, sondern bündelt etliche weitere Funktionen. Deshalb ist die App im Alltag der Chinesen so präsent. Zum Beispiel können Chinesen Textnachrichten in ihrer Landessprache zügig und relativ gut ins Deutsche übersetzen. Die App bietet aber auch Funktionen, die man bei uns von Facebook kennt. Man kann seine „Moments“ mit Kontakten teilen. Firmen, die WeChat nutzen, versenden Ihre Newsletter darüber anstelle per E-Mail. Denn in China herrscht die Meinung vor, dass man Menschen vor allem mobil an ihrem Smartphone erreicht. Außerdem kann man WeChat über die Applikation „WeChatPay“ zum Bezahlen nutzen. Bei einigen hippen Restaurants in China gibt es keine Menükarte mehr, stattdessen liegt auf jedem Tisch ein QR Code aus, den man per WeChat einscannt. Sofort erscheint auf dem Smartphone dann die entsprechende Menükarte. Bestellung über Smartphone? Geht sofort.

Wer hat sich dieses umfangreiche System denn eigentlich ausgedacht?

Die App WeChat gehört dem chinesischen Internetgiganten Tencent. Die Firma hat einen Markenwert von circa 179 Milliarden US-Dollar und steht damit auf Platz Vier im Ranking der Tech-Konzerne weltweit. Die Geschäftsbereiche erstrecken sich über Social-Media-Dienste, E-Commerce und Suchdienste. Tencent ist außerdem der weltweit größte Spieleanbieter. Natürlich ist das Unternehmen auch in traditionellen Branchen unterwegs, so zum Beispiel im Gesundheitssektor. Dafür hat sich Tencent Anteile an dem Unternehmen WeDoctor – oder wie es die Chinesen nennen – Guahao.com gesichert.

Ah, jetzt kommen wir zur Telemedizin. Was ist und kann WeDoctor?

WeDoctor ist eine medizinische Plattform, die aktuell mehr als 2.700 Krankenhäuser, mehr als 220.000 Ärzte, 15.000 Apotheken und mehr als 27 Millionen aktive Patienten pro Monat miteinander verbindet. Bekannt wurde die Anwendung durch die Einführung des ersten chinesischen internetbasierten Krankenhauses. Heute ist WeDoctor zu einer Art Konsultationsplattform für Medizin und Gesundheit geworden, die zum Ziel hat, Patienten in ganz China mit Krankenhäusern und Ärzten zu verbinden. Wenn man die Nutzeranzahl von WeDoctor mit der chinesischen Gesamtbevölkerung ins Verhältnis setzt, so hat man zurzeit einen Anteil von ca. 2,1 %. Allerdings wird sich das in der Zukunft sicherlich ändern.

Warum denken Sie das?

China steht genau wie Deutschland vor dem Problem, dass zu wenig Ärzte vorhanden sind, um die Bevölkerung umfassend zu versorgen. Im Verhältnis: Auf 1.000 Bürger kommen in Deutschland im Schnitt 4.2 Ärzte, in China sind es nur 1.8 Ärzte. Gleichzeitig steht China vor steigenden Gesundheitskosten: So wurden 2011 noch circa 357 Milliarden US-Dollar für das Gesundheitswesen ausgegeben, in 2020 rechnet man schon mit einem Kostenfaktor von einer Billion US-Dollar. Für die Zukunft bietet WeDoctor also großes Wachstumspotenzial. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele andere Länder weltweit vor gleichen Herausforderungen stehen und ihr Gesundheitssystem möglichst der gesamten Bevölkerung zugängig machen wollen, um die Gesundheitskosten nicht ausufern zu lassen.

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mehr Input

  • Homepage der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH
    www.wtsh.de
  • Homepage von Tencent, „Erfinder von WeDoctor“
    www.tencent.com
  • Wiki eines Massive Open Online-Course zum Thema China, unter anderem mit Infos zu Social Scoring, chinesischen Innovationen und chinesisch-europäischen Kooperationen
    #china40mooc

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