Schöne neue virtuelle Welt

Lesedauer 5 Minuten

Ab in die Matrix wie der Held Neo aus dem gleichnamigen Film? Ginge es nach dem Gründer von Facebook, würden virtuelle Welten die reale in Zukunft ständig überlagern. Das von Mark Zuckerberg proklamierte Metaverse ist erstmal nur eine PR-Maßnahme für viele denkbare Produkte rund um die Virtual Reality.

Dennoch könnte so etwas wie ein Metaverse der nächste disruptive technologische Schritt in die Zukunft sein. Es gibt bereits eine Menge Pilotprojekte in dieser Richtung und tatsächlich erobern virtuelle Anwendungen sich zunehmend Raum in unserem täglichen Leben.

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Disruptiv (engl.) = stören, unterbrechen, auflösen

Unter disruptiven Technologien versteht man innovative Entwicklungen, die bestehende, noch erfolgreiche Produkte oder Dienstleistungen mit hoher Wahrscheinlichkeit und Geschwindigkeit ersetzen oder verdrängen können.

Vorläufer der virtuellen Welt

Historisch gesehen sind seit dem 18. Jahrhundert erste Versuche dokumentiert, Vorrichtungen oder Maschinen zu erfinden, die dreidimensionales Sehen simulieren. Das Spannende daran ist, dass deren Erfinder aus verschiedenen Disziplinen kamen. Maler, Physiker, Orgelbauer, Filmemacher und Informatiker sind nur einige, deren Berufe man nennen könnte.

Schon 1788 gab es nachweislich die ersten Panoramatheater. Der irische Maler Robert Barker stellte damals sein erstes Rundbild in der schottischen Stadt Edinburgh aus. Es handelte sich dabei um eine 100 Meter lange und 15 Meter hohe Leinwand, in deren Mitte die Besucher auf einem hölzernen Podest stehend seine Illustration betrachten konnten.

Rundbild von Henry Aston Barker aus dem Jahr 1806, dem Sohn von Robert Barker, der dessen Arbeit fortführte.

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Der Physiker Sir Charles Wheatstone fand im 19. Jahrhundert heraus, dass zwei Bilder mit unterschiedlicher Perspektive – vor den Augen platziert – beim Betrachter den Eindruck von Dreidimensionalität hervorrufen konnten. Er erfand ein Gerät namens Stereoskop, um seine These zu beweisen.

Dieses bestand aus einem Holzbrett mit zwei mittig befestigten Spiegeln, die im 45-Grad-Winkel zueinander standen. Links und rechts außen wurden nahezu identische Motive mit geringfügigen Unterschieden angebracht. Der Blick durch das Stereoskop fügte die beiden Bilder dann zu einem zusammen.

Das Gerät wurde in den folgenden Jahrzehnten von anderen Forschern weiterentwickelt. Es wurde handlicher und kleiner, so dass sich sogar Interessensvereinigungen bildeten, mithilfe derer sich Menschen zum Ansehen und Austauschen von Sammelbildern trafen.

Erster Flugsimulator

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte das Fliegen dank der Erfolge der Gebrüder Wright eine große Popularität. Um das Fliegen zu trainieren, wurden schon bald erste Flugsimulatoren erfunden. Bekannt wurde der Orgelbauer Edward Link, der 1929 ein Gerät namens Blue Box vorstellte, das er in Folge zunächst an Jahrmärkte und Unterhaltungsparks verkaufte.

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Später wurde sein Gerät Standard in den Flugschulen des US-amerikanischen Militärs. Der Simulator bestand aus einer verschließbaren, außen blau angemalten Box, die sich auf einem motorbetriebenen Sockel befand. In der abgedunkelten Kabine konnten die Probanden nur die beleuchteten Instrumente sehen und waren den Dreh-, Kipp- und Schaukelbewegungen unterworfen. So trainierten sie das Fliegen bei schlechter Sicht.

Dreidimensionale Moderne

Interessant ist sicher noch ein kurzer Ausflug zur ersten Datenbrille, dem Vorläufer der heutigen Modelle. Der Informatiker Ivan Sutherland entwickelte mit einem seiner Studenten eine Brille, die aber sehr schwer war und deshalb an der Decke eines Raumes befestigt werden musste.

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3-D im Kino

Zwischen 1950 und 1980 gelangten Pappbrillen mit je einem roten und einem grünen Filter zu einem gewissen Ruhm. Immer wieder wurden aus verschiedenen Genres Spielfilme produziert, die man mit derartigen Brillen auf Kino-Leinwänden ansehen konnte. Der Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ des Regisseurs James Cameron aus dem Jahr 2009 dürfte vielen als eines der zeitgenössischen großen Filmprojekte noch in Erinnerung sein.

Heute gibt es spezielle Brillen, über die individuell programmierte Software komplette Räume, Gebäude, Städte, Landschaften oder Fantasiewelten simuliert. „Vollimmersive“ Brillen schirmen den Träger völlig von der Realität ab, Datenbrillen wie „Google Glass“ blenden lediglich in einer Ecke des Sichtbereichs Daten ein. Dem Vorläufer von Google sind inzwischen weitere Modelle von anderen Herstellern gefolgt – wobei man diesen Typ Brillen eher als Augmented-Reality-Brille bezeichnet.

Ist es VR, AR oder MR?
VR = Virtual Reality

VIRTUAL REALITY
versetzt Menschen mit realistischen Bildern, Geräuschen, Klängen und anderen Empfindungen in eine imaginäre Welt. Hierbei kann es sich um künstliche Phantasiewelten handeln oder um maßstabsgetreue Nachbildungen einer realen Umwelt wie Parks, Straßen, Städte, Gebäude.

AR = Augmented Reality

AUGMENTED REALITY
die „erweiterte Realität“ – fügt in die reale Umgebung virtuelle Objekte oder Texte ein. So kann man sich zum Beispiel ein digitalisiertes Kunstwerk aus einem Museum in sein Wohnzimmer holen. Oder einen Dinosaurier in den eigenen Garten projezieren.

MR = MIxed Reality

MIXED REALITY
mischt Realität mit Imagination. Mit MR ist es beispielsweise möglich, in einem virtuellen Videospiel eine Wasserflasche aus der realen Welt zu ergreifen und diese Flasche dann einer imaginären Figur im Spiel zu reichen.

Einsatzszenarien für virtuelle Technologien

Es gibt viele verschiedene Anwendungsgebiete, in denen dreidimensionale Darstellungen für uns nützlich sind. Zum Beispiel können historische, nicht mehr vorhandene Gebäude, von denen man aber Baupläne besitzt, virtuell rekonstruiert werden. Auch der Erhalt noch vorhandener historischer Gebäude wird leichter, da die spezielle 3-D-Lichtvermessung die oft komplexen Strukturen historischer Bauweisen für Architekten und Handwerker verständlich und nachvollziehbar macht.

Das wohl berühmteste Beispiel ist die Wiederherstellung der Kathedrale Notre-Dame in Paris, die bei einem Brand im Dachstuhl im Jahr 2019 erheblichen Schaden erlitt. Mithilfe eines 3-D-Modells konnten die zerstörten Teile wieder aufgebaut werden.

Ein weiteres Szenario ist die Fernwartung von Flug- und Fahrzeugen. Hierbei werden Monteure bei Reparatur, Austausch von Teilen und dem Zusammenbau von Komponenten über Virtual Reality mit Ingenieuren und Fachtechnikern verbunden, die die Arbeiten anleiten.

Ganz spannend ist auch der Einsatz von VR und AR in Bildung und Ausbildung. Medizinstudenten können zum Beispiel ihre Anatomiekenntnisse verfeinern oder komplizierte Operationen am virtuellen Patienten üben. Museen können ihre Besucher*innen – egal, welchen Alters – in andere Epochen entführen und sie in der Steinzeit einem Mammut oder einem Neandertaler begegnen lassen.

Auch Modernisierungsprozesse werden anschaulicher über Ausstellungen mit 3-D-Elementen. Über sie können Unternehmen, Institutionen und auch Behörden wie Stadtverwaltungen oder Länder ihren Bürgern viele Fragen beantworten: Wie funktioniert die Einführung von neuen logistischen Methoden in einem Hafen? Warum gibt es ein neues Verkehrsleitsystem? Mit welchem Ziel wird ein Flächenbebauungsplan gestaltet?

Und wie sieht die Zukunft aus?

Zum Abschluss noch zwei Sätze aus einem Interview, das vom Magazin „heise online“ mit Sascha Lobo, einem Blogger und kritischen Betrachter der Digitalisierung geführt wurde. Sascha Lobo’s Meinung zu einer Zukunft, in der virtuelle Realitäten zum Allstag gehören könnten, sieht so aus:

Ich rede jetzt nicht davon, dass man einfach tolle Meetings in einem Metaverse abhalten kann. Ich meine etwas anderes. Wir sind dann einen Schritt davon entfernt, das Smartphone als Kristallisationspunkt des digitalen Kapitalismus abzulösen. Und dieser eine Schritt wäre eine Augmented-Reality-Brille. Wenn Apple zum Beispiel zwischen 2022 und 2024 eine solche Brille auf den Markt bringen sollte, die einen digitalen Layer für dich jederzeit sichtbar über die Welt projiziert, dann werden die Karten neu gemischt. Das Metaverse ist nur ein Symbol für diese Entwicklung. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Facebook die treibende Kraft dahinter sein wird.


Quelle:
Sascha Lobo: „Auf den Datenschutz bin ich gerade etwas wütend“ (heise.de/hintergrund)

(Text und Recherche: Andrea Brücken)

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