Dezentral und demokratisch

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Viel Platz für Photovoltaik- und Windkraftanlagen sowie reichlich Ressourcen für Biogasanlagen – das bietet in Deutschland nur der ländliche Raum. Hier haben sich in den vergangenen Jahren viele Menschen zusammengeschlossen, um gemeinsam in nachhaltige Energiegewinnung zu investieren und die Versorgung mit Strom und Wärme in die eigenen Hände zu nehmen. Oft geschieht dies in Form einer Genossenschaft.

So, wie in dem Vulkaneifel-Dorf Wiesbaum. 2009 gründeten dort 20 engagierte Bürger die eegon Eifel Energiegenossenschaft eG. Mittlerweile ist die Zahl der Genossinnen auf mehr als 800 angestiegen. Zu den Mitgliedern zählen heute neben oft fachlich versierten Privatpersonen auch kommunale Gebietskörperschaften, mehrere Volks- und Raiffeisenbanken, regionale Sparkassen und Elektroinstallationsbetriebe. „Auf der Homepage heißt es: „Wenden Sie sich an eegon, wenn Sie einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen, einen Bedarf an Energie haben, sich für erneuerbare, klimaneutrale Alternativen interessieren und eine sinnvolle und rentable Anlage für Ihr Kapital suchen“.

Der Youtube-Kanal „explainity“ erklärt das Prinzip von Genossenschaften im Video:

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Günstiger Einstieg

Die finanzielle Einstiegshürde ist gering: Ein Genossenschaftsanteil kostet 500 Euro. Das investierte Geld nutzt die eegon, um auf immer mehr Dächern der Region Photovoltaikanlagen zu
bauen und zu betreiben. Bis Ende 2021 investierte die eingetragene Genossenschaft rund 1,4 Millionen Euro in 16 eigene Photovoltaikanlagen. Auch an Windkraftanlagen beteiligen sich die Energiegenossen mittlerweile. Und für den Eifel-Ort Marienthal entwickelte die Genossenschaft nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 ein nachhaltiges Dorfwärmekonzept auf der Basis von Holzpellets und Solarenergie. Bei all dem durften sich die Energiegenossen auch noch über eine jährliche Rendite von zuletzt vier Prozent plus zweiprozentigem Bonus freuen.

Die Politik erhofft sich zudem vom dezentralen Mitmach-Modell Rückenwind für die gesamte Energiewende: „Genossenschaften können die Akzeptanz für den Ausbau der erneuerbaren Energien stärken“, ist die bundeseigene Deutsche Energie-Agentur (dena) überzeugt.

beenhere

Energiegenossenschaften in Zahlen

·         847 Energiegenossenschaften mit zusammen 220.000 Mitgliedern gibt es in Deutschland

·         3,3 Milliarden Euro haben deutsche Energiegenossenschaften inzwischen in erneuerbare Energien investiert.

·         Bis Ende 2021 erzeugten sie 8 Terrawattstunden „sauberen“ Strom und vermieden damit etwa 3 Millionen Tonnen Treibhausgase im Strombereich ein.

Solidarische Tradition

Energiegenossenschaften sind ein relativ junges Phänomen. Die ersten entstanden 2006. Den Grundgedanken solidarischen Wirtschaftens in dieser Form gibt es allerdings schon lange: Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen zunächst Kleinunternehmer und Handwerker sich in freiwilligen Kooperationen regional zusammenzuschließen, um gemeinsam stärker zu sein und sich gegenüber den damals entstehenden großen Industriebetrieben zu behaupten. Aus Frankreich und Großbritannien schwappte die Idee rasch nach Deutschland über. Hier entstanden bald auch die ersten Kredit- und Einkaufgenossenschaften.

Damit sind die Genossenschaften auch wirtschaftlich ein bedeutender Faktor. EDEKA, Rewe oder auch die BÄKÖ-Gruppe zählen neben den Volksbanken und Raiffeisenbanken zu den bekanntesten genossenschaftlich organisierten Marken.

Illustration: Menschen tragen Windkraftturbinen
Gemeinsam zum Ziel in der Genossenschaft (Illustration: iStock)
Bei der Jugend beliebt

Bei allen Vorteilen: Die Zahl der Energiegenossenschaften legt nach dem steilen Wachstum der ersten Jahre zuletzt nur noch langsam zu: Im Jahr 2020 kamen lediglich 18 neue hinzu. Ein gutes Drittel der Energiegenossenschaften plante 2021 keine neuen Projekte. Der Verband macht vor allem die „zunehmend unsicheren Rahmenbedingungen“ im Energiesektor dafür verantwortlich. Grundsätzlich scheint der Genossenschaftsgedanke allerdings eine gute Zukunft vor sich zu haben: Laut einer repräsentativen Befragung von YouGOV kann sich jeder dritte junge Mensch zwischen 18 und 34 Jahren die Gründung einer Genossenschaft vorstellen – deutlich mehr als in jeder anderen Altersgruppe.

(Text: Till Behrend)

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