Doppelgänger 2.0

Menschen vertrauen gerne Empfehlungen, und das nicht nur im realen Leben. Auf vielen Social Media-Plattformen tummeln sich sogenannte „Influencer“. Das sind Sportler, Politiker, Prominente, Blogger – Menschen, die direkt oder indirekt für Produkte, Marken und Services werben. Ihr Wert bestimmt sich durch die Anzahl der Follower. Denn über die Reichweite solcher Markenbotschafter können Unternehmen gezielt und in großem Maßstab Werbung platzieren.

Gestatten, mein Name ist Kenna

Kenna mit derzeit knapp 27.000 Followern ist so ein Influencer. Die 21-jährige junge Frau interessiert sich für Mode und Beauty, hat gerade ein Praktikum begonnen, setzt sich für Tierschutz ein und hat nach eigenen Angaben ein schmales Budget. Sie bewirbt vor allem Produkte der Marke „essence“.

Damit repräsentiert sie die perfekte Zielgruppe für das Unternehmen cosnova GmbH, das hinter dem Webportal essence.eu steht. Cosnova stellt sich mit einer Positionierung auf, die auf Tierversuche verzichtet, auf Nachhaltigkeit in der Produktion achtet und soziale Projekte unterstützt. Die Kosmetikartikel sind zudem erschwinglich für junge Menschen, die sich noch in Schule, Ausbildung oder Studium befinden.

Hups, die ist ja nicht echt!

Kenna ist allerdings keine gewöhnliche junge Frau: Sie ist ein virtuelles Wesen. Fünf Monate lang hat es gedauert, um diesen Avatar in Zusammenarbeit mit einer digitalen Agentur zu entwickeln. Dafür wurden Fotoshootings mit einem echten Modell durchgeführt und im Anschluss der Kopf durch ein virtuell erstelltes „Gesicht“ ausgetauscht. Im nächsten Schritt wurde Kenna über Pressearbeit der Öffentlichkeit mit „ihrem eigenen“ Instagram-Profil präsentiert.

Kein Ersatz für Menschen

Cosnova ist mit so einer Idee nicht allein. Das Unternehmen Samsung stellte mit dem Projekt Neon einen „künstlichen Menschen“ auf der Consumer Electronics Show (CES) 2020 vor. Das ist eine der weltweit größten Fachmessen für Unterhaltungselektronik, die jährlich in Las Vegas stattfindet. Samsung nutzt eine neue Software, die aus Standbildern und Bewegungsmustern schnell und einfach Doppelgänger macht, die sich bewegen und reden wie das menschliche Vorbild.

Auf digitalen Plattformen können die von Samsung als „Neons“ bezeichneten Avatare unter anderem als Influencer arbeiten oder online Nachhilfe geben. Das Tech-Unternehmen behauptet, dass die digitalen Geschöpfe kaum von realen Personen zu unterscheiden sind. Das soll es ermöglichen, sie mit Menschen interagieren zu lassen, ohne bei diesen das Gefühl auszulösen, mit einem Computer zu reden. Gleichzeitig betonen die Macher: Die digitalen Doppelgänger sollen den Menschen nicht ersetzen.

Skepsis bei künstlicher Intelligenz

Eine Studie von Capgemini – einem Beratungsunternehmen für IT-Dienstleistungen – zeigt , dass es bei der Hälfte der Deutschen Unbehagen auslöst, wenn Produkte mit künstlicher Intelligenz (KI) zu menschenähnlich sind. Wie schwierig es für ungeschulte Augen ist, zwischen Echt und Unecht zu unterscheiden, hat außerdem bereits die Diskussion um Deep Fakes gezeigt.

Deep Fakes sind realistisch wirkende Video- oder Audioaufnahmen. Passende Programme wie „DeepFaceLab“ versprechen: Jeder kann solche Inhalte leicht herstellen. Der festgelegte Algorithmus braucht lediglich ausreichend Bild- und Tonmaterial von einer Person. Für Aufsehen hat beispielsweise ein Deep Fake von Barack Obama  gesorgt, bei dem der Hersteller des Videos ihm mithilfe von KI Sätze in den Mund legte, die er nie gesagt hat.

Wie Deep Fakes entstehen, erklärt Bloomberg im Video:

Fälschungen kenntlich machen

Um solchen Fakes auf die Schliche zu kommen, hat Facebook bereits Konsequenzen gezogen. Aufnahmen, die keine Parodie oder Satire sind, und bei denen ein ungeschulter Nutzer nicht erkennen kann, ob es Original oder Fälschung ist, löscht das soziale Netzwerk sofort. So können gefälschte Inhalte zumindest bei Facebook niemanden mehr täuschen.

Bei Kenna macht der Kosmetikhersteller übrigens bereits in den Profilangaben deutlich, dass es sich um einen Bot und nicht um eine wirklich existierende Person handelt.

Ihre Follower wissen, wen sie vor sich haben: Einen digitalen Influencer, der genau das macht und zeigt, was ihm seine Programmierer vorgeben.

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