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Operation geglückt

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger arbeiten 90 Prozent der deutschen Kliniken an der Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie. Nordrhein-Westfalens führender Klinikverbund verfolgt einen weit darüber hinausgehenden, komplexen Ansatz. Die Universitätsmedizin Essen (UME) – seit 2001 eine Anstalt öffentlichen Rechts – möchte die Blaupause für die Transformation bisheriger Strukturen in das visionäre Konzept des Smart Hospitals sein.

Star Trek im OP

Wer den Oberarzt Ingo Stoffels der UME bei der Entfernung eines Tumors beobachtet, bekommt eine Ahnung davon, wie radikal sich die Medizin gerade weiterentwickelt. Während der Mediziner  sich früher anhand von zweidimensionalen Bildern aus Magnetresonanz- oder Computertomographie (MRT/CT) auf eine Operation vorbereitete, setzt er heute eine Brille auf, die wie eine Requisite aus der futuristischen Serie Star Trek aussieht. Die sogenannte HoloLens projiziert Bilder, Videos und 3-D-Modelle direkt ins Sichtfeld des Chirurgen. Er sieht die Körperschnitt-Bilder direkt an der zu operierenden Stelle und damit exakt, wo der Tumor ist und Nervenbahnen verlaufen.

Der Nachrichtensender Bloomberg berichtet über die HoloLens:

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Und nicht nur bei der Operation sorgen digitale Assistenzsysteme für schnellere und sicherere Arbeit – schon im Vorfeld verbessern sie die Diagnose. So werden beispielsweise MRT- und CT-Bilder durch KI-gestützte Systeme analysiert. Während die Sichtung und Beurteilung bildgebender Daten durch einen diagnostizierenden Arzt auch von dessen Tagesform und Erschöpfungszustand abhängig ist, arbeiten diese Systeme vollkommen ermüdungsfrei und extrem gründlich.

Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle 73 Tage.

Quelle:
American Clinical and Climatological Association (National Library of Medicine)
Medizin neu denken

Wenn Digitalisierung in bestehende Strukturen Einzug hält, besteht die Herausforderung oft nicht allein in der Auseinandersetzung mit dem technischen Fortschritt. Anspruchsvoller sind die erforderlichen Veränderungen im Denken, Handeln und in der Ausbildung aller involvierten Personen – insbesondere der Führungskräfte. Der kulturelle Wandel ist in der Medizin besonders tiefgreifend, weil Mediziner während ihrer Ausbildung vielfach in sehr hierarchischen Strukturen sozialisiert werden. Digitalisierung erfordert jedoch Teamwork und kollaborativen Führungsstil.

Agile Methoden einsetzen

Vorhandene Kommunikations- und Hierarchiestrukturen aufzubrechen ist nicht von ungefähr eine zentrale Aufgabe der Digital-Change-Managerin der UME, Anke Diehl. „Es muss ein agiles Zusammenspiel unterschiedlichster Bereiche und Ebenen geben“, sagt sie – und bringt dieses zum Beispiel mit einem Innovationswettbewerb in Gang. Hier kann sich jede und jeder mit Ideen und Projekten beteiligen. Auch in der Lenkungsgruppe Smart Hospital dürfen alle mitmachen. „Unsere Mitarbeitenden sind mit großem Engagement dabei“, resümiert sie.

Drei Fragen an Anke Diehl
Autonom operieren

In nicht allzu ferner Zukunft werden Operationen im Krankenhaus teilweise von Robotern durchgeführt. Würden Sie sich selbst von einem KI-gesteuerten Robo-Chirurgen operieren lassen?

Bei uns kommt das roboterassistierte Da-Vinci-System zum Einsatz. Und von ihm und den steuernden Ärztinnen und Ärzten, würde ich mich jederzeit operieren lassen, sofern es notwendig ist. Ich bin der festen Meinung: Ärzte werden jetzt und künftig verantwortungsvoll die wachsenden Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Keine Maschine, kein Algorithmus und kein Roboter wird die umfassende Rolle des Arztes einnehmen. Er ist und bleibt die Instanz, die die relevanten medizinischen Entscheidungen trifft.

Daten austauschen

Andere, auch europäische Länder, sind viel weiter als wir in Deutschland bei der Verknüpfung und digitalen Übermittlung von Patientendaten zum Beispiel zwischen Arztpraxen und Krankenhäusern. Was muss passieren, damit das auch bei uns umgesetzt werden kann?

Es gibt zwei Faktoren: Es muss gesetzliche Regelungen und Vorgaben zur Interoperabilität geben. Da sind die ersten Schritte gemacht. Dieser Aufgabe widmet sich auch das Interop Council, in dem ich, berufen vom Bundesgesundheitsministerium, einen von sieben Sitzen für die IT-Anwender inne habe. Zudem muss aber ein Umdenken in den Köpfen und in der Haltung stattfinden. Wie oft höre ich den Satz: Ich habe keine Zeit für Veränderung. Veränderung ist Fortschritt und in diesem Fall Verbesserung. Wir sehen inzwischen in ganz vielen Ländern, wie es besser geht. Wie Diagnose und Therapie für die Patientinnen und Patienten besser werden. Das muss auch unser Anspruch und unsere Haltung sein.

Patienten mitnehmen

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet voran. In Krankenhäusern und Praxen werden zunehmend ältere und alte Bürger:innen behandelt, die noch nicht so selbstverständlich mit digitalen Geräten und Tools umgehen können wie die Jüngeren. Wie kann sichergestellt werden, dass wir diese auch mitnehmen?

Ich glaube, die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie technisch fit und digital die älteren Bürgerinnen und Bürger inzwischen sind. Sie überprüfen mit Smart-Phones ihre Kreislauf- und Diabetes-Werte und treffen mit Software wie Zoom und Teams ihre Enkel. Wichtig bleibt aber natürlich, dass wir die Menschen mitnehmen und nicht überfordern. Der richtigen Kommunikation kommt dabei eine ganz wichtige Rolle zu. Der Behandlungserfolg hängt nämlich maßgeblich vom Arzt-Patienten-Verhältnis ab und nicht vom Einsatz digitaler Technik.

Bessere Arbeitsbedingungen sollen letztlich auch dazu beitragen, mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten zu haben. Bei der UME entlasten digitale Assistenzsysteme die Pflegekräfte von fachfremden Aufgaben. Dabei unterstützt unter anderem ein Service- und Informationscenter, in dem sämtliche Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten gebündelt wird. Auch eine Navigations-App ist in Arbeit: Sie leitet künftig während des Klinikaufenthalts von Untersuchung zu Untersuchung und gibt Erinnerungen für Termine.

beenhere

Disease Interception

Wie wäre es, wenn wir gar nicht erst ins Krankenhaus müssen, weil ein Frühwarnsystem Krankheiten bereits in der Entstehungsphase erkennt und damit eine frühere Behandlung ermöglicht? „Disease Interception“ ist der Fachbegriff dafür.

Die Idee von Disease Interception birgt einigen, auch rechtlichen Zündstoff. Schließlich basiert der präventive Ansatz auf der Sammlung, Digitalisierung und Auswertung großer Datenmengen – und einer Auswertung mittels künstlicher Intelligenz. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von UME und einem Institut der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum beschäftigen sich deshalb Fachleute mit den rechtlichen und praktischen Herausforderungen, mit Datenschutz und den Möglichkeiten von freiwilligen Datenspenden gesundheitsbezogener Daten.

Weiterführende Informationen finden Sie im Kasten „Mehr Input“ unterhalb des Artikels. Das Print-Heft abonnieren Sie über die Schaltfläche oben rechts kostenfrei. Die Redaktion freut sich auch über Meinungen und Fragen zum Thema, schreiben Sie uns an redaktion@datareport.de

(Text: Fabian Baumheuer)

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